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Wieso Du einen Graufilter brauchst

Wieso Du einen Graufilter brauchst

Auch wenn man öfters mal hört, dass es in der heutigen Zeit keine Filter mehr braucht, sind Graufilter vor allem in der Landschaftsfotografie nach wie vor ein wichtiges Instrument. Sie ermöglichen es z.B. trotz Tageslicht lange Belichtungszeiten zu verwenden. Damit erzielt man schöne Effekte. Der Graufilter eignet sich insbesondere für Landschaftsaufnahmen bei denen man Bewegungsunschärfe als Stilmittel einsetzen möchte. Dies können z.B. das Weichzeichnen des Wassers bei Wasserfällen, eine dynamische Darstellung der Gischt einer Meeresbrandung oder auch über den Himmel ziehende Wolken sein. Mit einem Graufilter lässt sich auch ein belebter Platz in einer Stadt menschenleer darstellen oder in der blauen Stunde Lichtspuren von Fahrzeugen festhalten.
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Sonnenuntergang auf de Isle of Skye in Schottland, mit einem Graufilter fotografiert
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 38mm, 30s, f/16, ISO 100, Graufilter ND 1.8


Was ist ein Graufilter?

Graufilter, auch Neutraldichtefilter, ND-Filter oder Neutralfilter genannt, sind Glas- oder Kunststoffscheiben, die man vor das Objektiv schraubt oder in ein Haltersystem steckt. Die Filter erzielen eine gleichmässige Abdunklung im Bild. Ein Graufilter verringert die Lichtmenge, die durch das Objektiv auf den Bildsensor fällt und ermöglicht so Langzeitaufnahmen auch bei viel Licht.


Welche Stärke ist ideal?

Graufilter gibt es in verschiedenen Stärken. Je nach Situation braucht es eine stärkere oder schwächere Lichtreduktion. Es kommt also darauf an, wie lange man belichten möchte, welche Blende man verwendet und wie viel Tageslicht vorhanden ist.

Je nach Hersteller haben die verschiedenen Stärken der Graufilter unterschiedliche Bezeichnungen. Meist handelt es sich dabei um die Neutraldichte oder den Verlängerungsfaktor der Belichtungszeit. Das kann teilweise etwas verwirrend sein. Hier eine kleine, einfache Übersicht der gängigsten Stärken.
Neutraldichte (ND)Durchlässigkeit des LichtsVerlängerungsfaktor BelichtungszeitBlendenstufen
ND 0.350%2-fach1
ND 0.625%4-fach2
ND 0.912.6%8-fach3
ND 1.26.3%16-fach4
ND 1.81.6%64-fach6
ND 3.00.1%1000-fach10
Unsere Empfehlung für die Grundausrüstung
ND 3.0 (Big Stopper)
Graufilter dieser Stärke schlucken sehr viel Licht. Sie verlängern die Belichtungszeit 1000-fach. Mit diesem Filter kannst Du auch bei hellstem Sonnenschein relativ lange belichten. Fliessendes Wasser wird dabei superweich dargestellt.

ND 1.8 (Little Stopper)
Ein Filter dieser Stärke lässt sich sehr vielfältig einsetzen. Ein ND 1.8 verlängert die Belichtungszeit 64-fach. Je nach Lichtverhältnissen kannst Du auch mit diesem Filter sehr lange belichten oder Du kannst ihn auch für etwas kürzere Belichtungszeiten von 1 – 2 Sekunden gut verwenden, um z.B. schnelle Wellenbewegungen einzufangen. Dieser Filter eignet sich insbesondere auch als Erstanschaffung, wenn man in die Fotografie mit Graufiltern einsteigen möchte.

ND 0.9
Dieser Graufilter ist eher schwach und lässt sich insbesondere bei wenig Sonnenlicht einsetzen, um die Belichtungszeit ein wenig zu verlängern. So ist er zum Beispiel bei Sonnenuntergängen oder bedecktem Himmel ein idealer Begleiter. Ein ND 0.9 verlängert die Belichtungszeit 8-fach.
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Felsformationen an Spaniens Nordküste mit einer Belichtungszeit von 30 Sekunden aufgenommen.
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 40mm, 30s, f/13, ISO 100, Graufilter ND 1.8


5 Anwendungsbeispiele für einen Graufilter


1. Wasser weich zeichnen
Mit einem Graufilter kannst Du fliessendes Gewässer wie Wasserfälle, Bäche, Flüsse und Meeresbrandungen weichzeichnen. Je länger Du belichtest um so weicher und samtiger wird die Wasseroberfläche. Die Aufnahmen erhalten eine fast märchenhafte Wirkung. Indem Du Motive wie Meeresbrandungen oder Wellen sehr lange belichtest, erhältst Du gar einen «Nebeleffekt».

Beispiel 1: Plitvicer Seen, Kroatien
Das gleiche Motiv wurde einmal mit und einmal ohne Graufilter aufgenommen. Durch die Verwendung eines Graufilters wird das Wasser schön weich gezeichnet. Insbesondere die Wasseroberfläche des Sees wirkt dank des Filters viel ruhiger und die Spiegelungen kommen schön zur Geltung.
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Beispiel MIT Graufilter Stärke ND 1.8
Nikon D850, 70 – 200mm f/4.0, 135mm, 10s, f/16, ISO 100, Filter ND 1.8

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Beispiel OHNE Graufilter
Nikon D850, 70 – 200mm f/4.0, 112mm, 1/13s, f/16, ISO 100, ohne Filter

Beispiel 2: Fairy Pools, Isle of Skye Schottland
Durch die Verwendung eines Graufilters konnte dieses Bild zehn Sekunden belichtet werden. Dadurch erscheint das Wasser im Bach schön samtig und verleiht dem Bild Ruhe.
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Dieses Motiv in Schottland wurde mit 10 Sekunden belichtet.
Nikon D810, 14 – 24mm f/2.8, 14mm, 10s, f/8, ISO 100, Graufilter ND 1.8

2. Dynamische Meeresbrandungen
Nicht in jedem Fall ist eine lange Belichtung am Wasser zielführend. Die wilde Gischt einer Meeresbucht oder schnelle Wellenbewegungen am Strand müssen nicht unbedingt mehrere Sekunden oder Minuten belichtet werden. Wenn man solche Motive mit weniger als 1 oder 2 Sekunden belichtet, erhalten die Aufnahmen eine eindrückliche, dynamische Bildwirkung.

Beispiel 1: Elgol auf der Isle of Skye, Schottland
Diese beiden Bilder wurden beide mit einem Graufilter aufgenommen. Verwendet wurden zwei verschiedene Stärken. Das Bild links wurde unter Einsatz eines ND 0.9 Graufilters mit knapp einer Sekunde Belichtungszeit aufgenommen und dasjenige rechts mit einem stärkeren Graufilter von ND 1.8 was zu einer Belichtungszeit von 20 Sekunden führte. Durch die kürzere Belichtungszeit wirken die Wellen auf dem Bild links dynamisch und aktiv. Man sieht teilweise gar die Spritzer, schön mit Bewegungsunschärfe dargestellt. Das Bild rechts wirkt durch die lange Belichtungszeit viel ruhiger und es entsteht ein Nebeleffekt bei der Wasseroberfläche. Die einzelnen Bewegungen der Wellen sind nicht mehr sichtbar.
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Kurze Belichtungszeit von knapp einer Sekunde
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 24mm, 1.3s, f/8, ISO 100, Graufilter ND 0.9

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Längere Belichtungszeit von 20 Sekunden
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 24mm, 20s, f/11, ISO 100, Graufilter ND 1.8

Beispiel 2: Motive aus Irland und Norwegen mit kurzen Belichtungszeiten aufgenommen
Beide Bilder wurden wiederum mit einem Graufilter aufgenommen. Da hier die Belichtungszeit bewusst kurz sein sollte um die dynamischen Bewegungen der Wellen festzuhalten, haben wir entsprechende Graufilter verwendet. Bei beiden Bildern kam ein Graufilter der Stärke ND 1.8 zur Anwendung.
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Belichtungszeit von 0,8 Sekunden
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 24mm, 0.8s, f/8, ISO 200, Graufilter ND 1.8

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Belichtungszeit von 1,3 Sekunden
Nikon D850, 20mm f/1.8, 1.3s, f/8, ISO 100, Graufilter ND 1.8

3. Windeffekt
Ein weiterer toller Effekt des Graufilters ist bei windigem Wetter den Zug der Wolken dynamisch abzulichten. In dem Du Deine Aufnahmen länger belichtest, werden die Wolken verwischt dargestellt. Je schneller die Wolken sich am Himmel bewegen, desto dynamischer die Wirkung auf den Bildern.

Beispiel: Skagsanden auf den Lofoten, Norwegen
An diesem Motiv sieht man sehr schön, wie unterschiedlich die Wirkung je nach Belichtungszeit sein kann. Auf dem Bild links wurde mit einem sehr starken Graufilter ND 3.0 über zwei Minuten belichtet. Die am Himmel vorbei ziehenden Wolken werden dabei verwischt dargestellt. Das Bild rechts wurde lediglich mit zwei Sekunden Belichtungszeit aufgenommen.
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Belichtungszeit von über 2 Minuten
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 28mm, 136s, f/11, ISO 50, Graufilter ND 3.0

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Belichtungszeit von 2 Sekunden
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 31mm, 2s, f/8, ISO 100, Graufilter ND 0.9

4. Menschen in belebten Strassen verschwinden lassen
Wer hat es nicht schon selbst erlebt. Man möchte eine schöne Strassenszene oder einen fotogenen Platz einer Stadt fotografieren und es erscheint praktisch unmöglich dies ohne Menschen und Autos im Bild einzufangen. Auch in diesem Fall hilft ein Graufilter. Je länger man belichtet desto mehr verschwinden Objekte die sich bewegen. Menschen und Fahrzeuge sieht man dann entweder gar nicht mehr auf dem Bild oder sie werden in einem sogenannten Geistereffekt dargestellt.

Beispiel: Pienza, Italien
Pienza ist ein kleines, bei Touristen sehr beliebtes, Örtchen in der Toskana. Hier ist immer etwas los in den Gassen. Gerade in der blauen Stunde waren viele Fussgänger unterwegs. Dank einer längeren Belichtungszeit von 20 Sekunden sieht man die Menschen im Bild nicht mehr. Nur in der Bildmitte kann man schemenhaft Menschen erkennen. Hier entstand ein Geistereffekt, da sich die Person während den 20 Sekunden nicht schnell genug bewegt hat bzw. kurz stehen geblieben ist.
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Belichtungszeit von 20 Sekunden
Nikon D850, 24 – 70mm f/2.8, 24mm, 20s, f/11, ISO 100, Graufilter ND 0.9

5. Lichtspuren von Fahrzeugen
In der blauen Stunde lassen sich in Städten wunderschöne Aufnahmen erstellen. Der Mix aus Kunst- und Tageslicht lässt die Bilder harmonisch und sanft wirken. Kombiniert man solche Bilder noch mit Lichtspuren des Stadtverkehrs verstärkt sich die Bildwirkung noch mehr. Gerade in der blauen Stunde kann es sein, dass man ohne Filter nur ein paar Sekunden belichten kann. Um wirklich schöne Spuren zu erhalten, ist eine längere Belichtungszeit notwendig. Hier kommt wiederum ein Graufilter zum Einsatz.

Beispiel: Edinburgh, Schottland
Bei dieser Aufnahme sollten die Lichtspuren der Fahrzeuge eingefangen werden. Da die blaue Stunde im Mai sehr spät ist, war nicht mehr allzu viel Verkehr unterwegs. Deshalb war es wichtig, länger als üblich zu belichten. Damit die Belichtungszeit von 20 Sekunden erreicht werden konnte, wurde bei diesem Bild zusätzlich noch ein ND 0.9 Graufilter verwendet.
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Belichtungszeit von 20 Sekunden
Nikon D850, 70 – 200mm f/4.0, 130mm, 20s, f/16, ISO 100, Graufilter ND 0.9


Schritt für Schritt zum Wunschbild

Mit dem Graufilter fotografieren:
  1. Verwende ein stabiles Stativ und einen Fernauslöser.
  2. Aktiviere bei deiner Spiegelreflexkamera die Spiegelvorauslösung
  3. Schalte den Bildstabilisator aus
  4. Wähle Deinen Bildausschnitt
  5. Messe Deine Belichtungszeit bei der gewünschten Blende
  6. Mit Autofokus scharf stellen und anschliessend Autofokus ausschalten. Oder alternativ manuell scharf stellen.
  7. Graufilter am Objektiv anbringen / festschrauben
  8. Belichtungszeit mit Graufilter berechnen (verwende dazu z.B. eine App wie PhotoPills)
  9. Mache eine Aufnahme und überprüfe die Belichtung anhand des Histogramms.
  10. Versuche nun die Einstellungen so anzupassen um eine optimale Belichtung deiner Aufnahme zu erhalten.
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Sonnenaufgang am Fanad Head in Irland, mit einem Graufilter ND 1.8 fotografiert
Nikon D850, 20mm f/1.8, 30s, f/16, ISO 100, Graufilter ND 1.8

Praxistipps
Achte auf die folgenden Punkte, wenn Du mit Graufilter fotografierst:

  • Je nach Stärke des Graufilters funktioniert der Autofokus der Kamera nicht, da zu wenig Licht durchkommt. Fokussiere in diesem Fall manuell oder mit dem Autofokus indem Du den Filter wegnimmst. Anschliessend Autofokus ausschalten und Filter wieder anbringen.
  • Bei längeren Verschlusszeiten unbedingt den Bildstabilisator ausschalten, da dieser unter Umständen zu Verwacklungen und somit zu Unschärfe führen kann.
  • Viele Spiegelreflexkameras können nur bis zu 30 Sekunden lang belichten. Möchtest Du länger belichten, verwende einen Fernauslöser und stelle die Kamera auf BULB.
  • Vorsicht bei Billigprodukten! Falls Du ernsthaft in die Fotografie mit Graufiltern einsteigen möchtest, empfehlen wir gleich von Anfang an in qualitativ hochstehende Graufilter zu investieren. Billige Filtersets verfügen meist über sehr schlechte Qualität mit grossen Farbverfälschungen, Lichtdurchlässigkeit und mehr.
Bilder in diesem Beitrag: Jennifer Brühlmann, Nick Hanson (Titelbild)

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Jennifer Brühlmann
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